Kleinigkeiten wertschätzen

Ijob 1
[21] Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen;

Der Satz aus dem Buch Hiob ist zu einer Redensart geworden. Auch bei meinen Eltern fiel er manchmal, auch wenn es nie so existenziell war, wie in der Hiob-Erzählung. Er wurde ähnlich gebraucht wie der Satz: „Wie gewonnen, so zerronnen.“ Meistens war da auch ein ironischer Unterton, zum Beispiel, wenn ein Spielzeug kaputt ging. Und gleichzeitig war damit gesagt: „Glaube nicht, dass wir das neu kaufen.“ Das war für mich manchmal schmerzhaft, in einer Zeit, in der wir nicht alles im Überfluss hatten. Meine Kinder trösteten sich schnell über ein kaputtes Spielzeug hinweg, weil sie viel mehr hatten oder weil bald schon jemand ein neues schenkte. Realität. Doch frage ich mich, ob die Wertschätzung für das Einzelne bleibt? Oder anders gefragt, wie kann ich diese Wertschätzung für das Kleine, Unscheinbare vermitteln in einer Zeit, in der alles verfügbar und alles ersetzbar zu sein scheint (wenn man die entsprechenden Ressourcen hat)?

Gott suchen

1 Chronik 16
[10] Rühmt euch seines heiligen Namens! / Alle, die den HERRN suchen, / sollen sich von Herzen freuen.

Obwohl es Oktober ist, sind noch viele Menschen auf dem Camino del Norte. Alles Gottsucher? Ich habe sie nicht gefragt, aber es ist erstaunlich, welche Anziehungskraft der Weg hat. Gestern sass sich mit Menschen aus Australien, Neuseeland, USA, UK, Italien und Frankreich am Tisch. Einige von ihnen gingen zum zweiten Mal auf den Camino. Faszinierend, wie dieser Weg Menschen zusammenbringt.

Sich einlassen

2 Könige 5
[8] Als der Gottesmann Elischa hörte, der König von Israel habe seine Kleider zerrissen, ließ er ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Naaman soll zu mir kommen; dann wird er erfahren, dass es in Israel einen Propheten gibt. [9] So kam Naaman mit seinen Pferden und Wagen und hielt vor dem Haus Elischas. [10] Dieser schickte einen Boten zu ihm hinaus und ließ ihm sagen: Geh und wasch dich siebenmal im Jordan! Dann wird dein Leib wieder gesund und du wirst rein. [11] Doch Naaman wurde zornig. Er ging weg und sagte: Ich dachte, er würde herauskommen, vor mich hintreten, den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen, seine Hand über die kranke Stelle bewegen und so den Aussatz heilen. [12] Sind nicht der Abana und der Parpar, die Flüsse von Damaskus, besser als alle Gewässer Israels? Kann ich nicht dort mich waschen, um rein zu werden? Voll Zorn wandte er sich ab und ging weg. [13] Doch seine Diener traten an ihn heran und redeten ihm zu: Wenn der Prophet etwas Schweres von dir verlangt hätte, würdest du es tun; wie viel mehr jetzt, da er zu dir nur gesagt hat: Wasch dich und du wirst rein. [14] So ging er also zum Jordan hinab und tauchte siebenmal unter, wie ihm der Gottesmann befohlen hatte. Da wurde sein Leib gesund wie der Leib eines Kindes und er war rein.

Der aussätzige Naaman hat seine eigene Vorstellung, wie der Prophet Elischa ihn heilen soll. Zum Glück hat er Menschen um sich, die ihm gut zureden, so dass er sich auf Elischas Anweisungen einlässt.

Die Geschichte zeigt mir mal wieder, dass Gott nicht so handelt, wie ich es mir vorstelle. Darauf muss ich mich einlassen können und manchmal braucht es gute RatgeberInnen.

Hellhörig

1 Könige 19
[11] Der HERR antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den HERRN! Da zog der HERR vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der HERR war nicht im Erdbeben. [12] Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. [13] Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.

Der Prophet Elija ist verzeifelt. Mit seinem Leben hat er sich eingesetzt für den Glauben an Jahwe und ist nun doch bedroht. Im Säuseln spricht Gott zu ihm.

Die Stelle ist einer meiner Lieblingsstellen in der Bibel, stellt sie doch das Bild eines mächtigen Gottes in Frage. Im leisen Säuseln spricht Gott, nicht im Feuer oder Erdbeben. Immer wieder aufmerksam sein auf Gott in den leisen Zwischentönen des Alltags! Daran erinnert mich dieser Abschnitt.

Ein hörendes Herz

1 Könige 3
[9] Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht! Wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren?

Ein hörendes Herz, darum bittet Salomon. Seine Weisheit ist sprichwörtlich geworden. Doch diese Bitte ist berührend!

Grossherzig

David verschont zweimal das Leben Sauls (1Sam 24 und 1Sam 26), der nicht mehr in der Gunst Gottes steht. Doch er lässt die Chance verstreichen, Saul aus dem Weg zu räumen und König von Israel zu werden. Er zeigt sich grossherzig. Er selbst muss nichts beschleunigen. Er wartet nicht auf den „richtigen Augenblick“ für sich, sondern legt sein Schicksal in Gottes Hand. Nicht bei der erst besten Gelegenheit, jemanden im übertragenen Sinn vom Thron zu stossen, Schwächen zu akzeptieren – darauf will ich achtsam sein.

Nicht zu Herzen nehmen?

Gleich kurz hintereinander wird einem Menschen der Rat gegeben, sich die Sache nicht so zu Herzen nehmen. ( 2 Sam 13, 20 und 33) Einmal geht es um die Vergewaltigung Tamars, das andere Mal um Mord an Davids Sohn Amnon. Tamar ist am Boden zerstört. Ihr Bruder meint, sie solle es sich nicht so zu Herzen nehmen.

David stürzt in tiefe Trauer, auch weil ihn zuerst die Nachricht erreicht alle seine Söhne seien tot. Sein Neffe gibt ihm den Rat, es sich nicht so zu Herzen zu nehmen, da alle anderen Söhne noch leben. Fast zynisch in solchen Fällen diesen Rat zu geben. Relativierung von Leid. Die Stellen lassen mich aufmerksam werden, nicht gleich zu argumentieren und zu trösten. Jedes Leid wiegt für die Betroffenen schwer. Der Einzelne kann es sich gar nicht nicht zu Herzen nehmen.

Doch den Satz: „Nimm’s nicht so schwer!“, erklang oft aus der Elterngeneration, vielleicht auch aufgrund der Kriegserfahrungen. Heute ist es zum Glück (meistens) anders.

Aufmerksam bleiben und „billigen“ Trost vermeiden.

Äusserlichkeiten

Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz. (1Sam 16,7)

Saint-Exupery machte daraus im kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gute, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Während Samuel in der Geschichte noch Gottes Hilfe braucht, um den richtigen Sohn Isais zu finden und ihn zu salben, geht die Eigenschaft im kleinen Prinzen auf den Menschen über. Als Gottes Ebenbild…

Mich nicht von Äusserlichkeiten leiten zu lassen, ist immer wieder eine Herausforderung.

Finde deinen Weg

Saul zog David seine Rüstung an. David versuchte zu gehen, aber er war es nicht gewohnt. Dann sagte er zu Saul: «Ich kann in den Sachen nicht gehen, ich bin nicht darum gewohnt. Und er legte sie wieder ab.»

Für mich ist das eine Schlüsselstelle in der Geschichte vom Kampf Davids gegen Goliat. Der junge David ist auf seine Art stark. Die Rüstung Sauls behindert ihn nur, deshalb wählt er seine eignen Kampfwerkzeuge.

So kriegerisch die ganze Szene auch ist, sie stellt gängige Männerbilder in Frage. David findet seinen eigenen Weg, der zu ihm passt. Das ist ein langer Prozess, auch für mich.

Hinhören

Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten, die Offenbarung an Samuel (1Sam 3, 1-18).

„Da merkte Eli, dass der HERR den Knaben gerufen hatte.“ (1Sam 3,8).

Als Theologe gefällt mir der Satz besonders. Warum? Weil der vermeintliche „Profi“ Eli erst beim dritten Mal versteht, was vor sich geht: Gott offenbart sich dem jungen Samuel. Das heisst für mich, immer wieder offen zu sein für dem Anruf Gottes, bei mir selbst und bei anderen Menschen. Gott spricht auf seine Weise und nicht auf der, die wir zu kennen meinen. Es heisst auch junge Menschen ernst zu nehmen in ihrer Rede von Gott. Hinhören, was sie zu sagen haben.

Und als zweites schwingen für mich in dieser Berufungsgeschichte die Frage mit: Wie geschieht Berufung heute?

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