Sich in der Bibel wiederfinden

Am 1. August beginnt meine spirituelle Reise auf dem Jakobsweg. Meine Begleiterin: Die Bibel. Von ihr werde ich mich herausfordern lassen, genauer gesagt von ihren Texten. Dabei praktiziere ich keine bestimmte Methode. Es geht es mir auch nicht um exakte theologische Auslegung, sondern um die Fragen, die der Text in dieser Situation, nämlich auf dem Weg-sein, an mich stellt. Vielleicht sind meine Fragen auch deine Fragen. Wenn nicht, dann ist der Textabschnitt den ich gelesen habe, es wert, dass du ihn liest und er deine Fragen an dich stellt.

Ankommen

Nach über 2300 km in acht Jahren ankommen: Was für ein Gefühl! Man biegt auf den Platz ein, auf dem viele Menschen singen, jubeln, weinen, still da sitzen, etwas genüsslich essen – all das tun, was sie sich vielleicht vorgestellt haben zu tun oder auch nicht. Mir ist für eine Bruchteil ein Schauer durch den Körper gelaufen und der Gedanke: Jetzt bist du da! Und dann sitze ich da, leicht euphorisiert und fühle mich mit allen auf dem Platz verbunden.

Kleinigkeiten wertschätzen

Ijob 1
[21] Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen;

Der Satz aus dem Buch Hiob ist zu einer Redensart geworden. Auch bei meinen Eltern fiel er manchmal, auch wenn es nie so existenziell war, wie in der Hiob-Erzählung. Er wurde ähnlich gebraucht wie der Satz: „Wie gewonnen, so zerronnen.“ Meistens war da auch ein ironischer Unterton, zum Beispiel, wenn ein Spielzeug kaputt ging. Und gleichzeitig war damit gesagt: „Glaube nicht, dass wir das neu kaufen.“ Das war für mich manchmal schmerzhaft, in einer Zeit, in der wir nicht alles im Überfluss hatten. Meine Kinder trösteten sich schnell über ein kaputtes Spielzeug hinweg, weil sie viel mehr hatten oder weil bald schon jemand ein neues schenkte. Realität. Doch frage ich mich, ob die Wertschätzung für das Einzelne bleibt? Oder anders gefragt, wie kann ich diese Wertschätzung für das Kleine, Unscheinbare vermitteln in einer Zeit, in der alles verfügbar und alles ersetzbar zu sein scheint (wenn man die entsprechenden Ressourcen hat)?

Noch 100 km

Es ist nur eine weitere Zahl, aber doch eine Grenze, die man da überschreitet. Vor 2 Monaten genau hat der Camino del Norte in Irun begonnen. Da waren es noch über 800 km bis Santiago.

Auch wenn die Restkilometerzahl nun zweistellig ist, jede einzelne Etappe bis zum Ziel will noch gelaufen werden. Nichts geht schneller.

Gott suchen

1 Chronik 16
[10] Rühmt euch seines heiligen Namens! / Alle, die den HERRN suchen, / sollen sich von Herzen freuen.

Obwohl es Oktober ist, sind noch viele Menschen auf dem Camino del Norte. Alles Gottsucher? Ich habe sie nicht gefragt, aber es ist erstaunlich, welche Anziehungskraft der Weg hat. Gestern sass sich mit Menschen aus Australien, Neuseeland, USA, UK, Italien und Frankreich am Tisch. Einige von ihnen gingen zum zweiten Mal auf den Camino. Faszinierend, wie dieser Weg Menschen zusammenbringt.

Letzte Male

Eine lange Reise neigt sich dem Ende zu. Es beginnen die letzten Male: die letzte 30km-Etappe, der letzte Tag am Meer, die letzten 200km …

In 9 Tagen erreiche ich Santiago, ein Weg der 2015 begonnen hat. Es ist irgendwie noch nicht real.

Sich einlassen

2 Könige 5
[8] Als der Gottesmann Elischa hörte, der König von Israel habe seine Kleider zerrissen, ließ er ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Naaman soll zu mir kommen; dann wird er erfahren, dass es in Israel einen Propheten gibt. [9] So kam Naaman mit seinen Pferden und Wagen und hielt vor dem Haus Elischas. [10] Dieser schickte einen Boten zu ihm hinaus und ließ ihm sagen: Geh und wasch dich siebenmal im Jordan! Dann wird dein Leib wieder gesund und du wirst rein. [11] Doch Naaman wurde zornig. Er ging weg und sagte: Ich dachte, er würde herauskommen, vor mich hintreten, den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen, seine Hand über die kranke Stelle bewegen und so den Aussatz heilen. [12] Sind nicht der Abana und der Parpar, die Flüsse von Damaskus, besser als alle Gewässer Israels? Kann ich nicht dort mich waschen, um rein zu werden? Voll Zorn wandte er sich ab und ging weg. [13] Doch seine Diener traten an ihn heran und redeten ihm zu: Wenn der Prophet etwas Schweres von dir verlangt hätte, würdest du es tun; wie viel mehr jetzt, da er zu dir nur gesagt hat: Wasch dich und du wirst rein. [14] So ging er also zum Jordan hinab und tauchte siebenmal unter, wie ihm der Gottesmann befohlen hatte. Da wurde sein Leib gesund wie der Leib eines Kindes und er war rein.

Der aussätzige Naaman hat seine eigene Vorstellung, wie der Prophet Elischa ihn heilen soll. Zum Glück hat er Menschen um sich, die ihm gut zureden, so dass er sich auf Elischas Anweisungen einlässt.

Die Geschichte zeigt mir mal wieder, dass Gott nicht so handelt, wie ich es mir vorstelle. Darauf muss ich mich einlassen können und manchmal braucht es gute RatgeberInnen.

Hellhörig

1 Könige 19
[11] Der HERR antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den HERRN! Da zog der HERR vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der HERR war nicht im Erdbeben. [12] Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. [13] Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.

Der Prophet Elija ist verzeifelt. Mit seinem Leben hat er sich eingesetzt für den Glauben an Jahwe und ist nun doch bedroht. Im Säuseln spricht Gott zu ihm.

Die Stelle ist einer meiner Lieblingsstellen in der Bibel, stellt sie doch das Bild eines mächtigen Gottes in Frage. Im leisen Säuseln spricht Gott, nicht im Feuer oder Erdbeben. Immer wieder aufmerksam sein auf Gott in den leisen Zwischentönen des Alltags! Daran erinnert mich dieser Abschnitt.

Ein hörendes Herz

1 Könige 3
[9] Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht! Wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren?

Ein hörendes Herz, darum bittet Salomon. Seine Weisheit ist sprichwörtlich geworden. Doch diese Bitte ist berührend!

Grossherzig

David verschont zweimal das Leben Sauls (1Sam 24 und 1Sam 26), der nicht mehr in der Gunst Gottes steht. Doch er lässt die Chance verstreichen, Saul aus dem Weg zu räumen und König von Israel zu werden. Er zeigt sich grossherzig. Er selbst muss nichts beschleunigen. Er wartet nicht auf den „richtigen Augenblick“ für sich, sondern legt sein Schicksal in Gottes Hand. Nicht bei der erst besten Gelegenheit, jemanden im übertragenen Sinn vom Thron zu stossen, Schwächen zu akzeptieren – darauf will ich achtsam sein.

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