Vorgestern war ein Pausentag. Den nutzt man u.a., um einen Waschsalon aufzusuchen und Quartiere und Routen zu planen. Gestern erreichte ich die spanische Grenze und damit den Anfang des Camino del Norte. Noch mal ein Anfang.
Auf dem Weg beschäftigen Fragen, die sonst selbstverständlich geklärt sind. Wo kann ich essen? Wo kann ich schlafen?Inzwischen stellt sich ein Tagesrhythmus ein: Aufstehen, Frühstück, Laufen, Quartier beziehen, Essen, Schlafen. Wo führt das hin?
„In deinem Herzen soll es keinen Platz für Hass geben: Hasse deinen Bruder und deine Schwester nicht! Stattdessen sollst du mit deinem Nächsten reden und ihn auf sein Verhalten ansprechen. So wirst du dich seinetwegen nicht mit Sünde belasten. Du sollst dich nicht rächen und deinen Brüdern und Schwestern nichts nachtragen. Stattdessen sollst du deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“ ( Lev 19,17-18)
Dieser Textabschnitt hat mich lange beschäftigt. Nicht wegen des Gebot der Nächstenliebe, das hier schon auftaucht und von dem ich immer finde, dass der zweite Teil „wie dich selbst“ ebenso wichtig ist wie der erste, sondern wegen der Passage, den Nächsten auf sein (Fehl-)Verhalten anzusprechen. Wenn man den theologischen Erläuterungen folgt, dann geht kann ein Gerechter den Nächsten zurechtweisen, also jemand der nach alttestamentlichen Verständnis, die Tora befolgt. Doch weiss die Bibel an anderen Stellen gut, dass das nicht immer Erfolg hat. Steht es mir also zu, jemanden zurechtzuweisen?
„Führt ein heiliges Leben und seid heilig!“ (Leviticus 20,7)
Auch wenn wir schon Geheiligte sind: Wie führe ich als Christ ein heiliges Leben? Für das Alte Testament lebte heilig, wer die Gebote und Vorschriften befolgte.
Wie lebe ich als Christ? Wodurch zeichnet sich christliches Leben aus?
Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dich und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden. (Num 6,24-26)
Für mich in seiner Einfachheit der noch immer schönste Segen. Nach diesem Zuspruch fühle ich mich immer gesegnet und innerlich ruhig.
Nach dem Auszug aus Ägypten werden in den biblischen Büchern Exodus, Leviticus und Numeri zahlreiche Vorschriften überliefert, nicht nur die Zehn Gebote. Schnell kommen die Gedanken, wie mühsam das zu lesen ist, aber auch wie mühsam es ist, diese Vorschriften alle zu beachten und allzu schnell wähne ich mich in völliger Freiheit. Aber das ist bei ein wenig Nachdenken, eine völlig irrige Annahme. Mein Leben ist reguliert, von vielen, ständig, jeden Tag. Vieles davon ist mir nicht bewusst. Ganz sicher sind die Vorschriften, die tagtäglich auf mich einwirken, genauso mühsam zu lesen. Und beim Lesen würde mir der gleiche Gedanken kommen, wie schwierig es wäre sie zu beachten. In welcher Gesellschaft und Gemeinschaft bin ich aufgewachsen und was macht mich tatsächlich frei?
Was macht der Weg mit einem? Nach drei Tage fällt das Anlaufen nicht mehr schwer, nach fünf Tagen läuft es sich fast von allein.
Was man lernen kann? Gelassenheit, Probleme zu lösen, wenn sie wirklich da sind. Mit den heutigen Medien ist man allzu schnell versucht, Probleme zu finden, die noch nicht da sind. Das geht mir immer noch so: Da schaue ich in die Wetter-App und sehe Hitzetage. Schon beginne ich nach Alternativen zu suchen und am Ende ist die Lösung einfach: früher aufstehen und vor Sonnenaufgang aufbrechen. Oder ich sehe in Google-Maps keine Einkaufsmöglichkeiten und doch existieren sie. Es gäbe noch weitere Beispiele. Der Weg lehrt mich jeden Tag aufs Neue, gelassener zu werden und die Dinge anzunehmen, wie sie sind.
Exodus 16
[3] Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.
Die Israeliten murren gegen Mose und Aaron. Sie sehnen sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurück. Die Szene ist sprichwörtlich geworden, und dennoch stellt sich die Frage, ob und wenn ja wie lange eine Durststrecke persönlich sein darf, um in Neuland aufzubrechen. Wann muss man sich auch eingestehen gescheitert zu sein?
Exodus 3
[14] Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin, der ich bin.
Gott offenbart Mose seinen Namen. Wenn es die 10 wichtigsten Bibelstellen gäbe, gehörte diese für mich dazu. Gott ist einer, der da ist, nicht entrückt irgendwo in einem Himmel. Ein schönes Gefühl, dass immer einer da ist. Als Kind habe ich es auch immer schön gefunden, dass jemand zu Hause war, wenn ich kam.
Josef offenbart sich seinen Brüder, als diese in der Hungersnot nach Ägypten ziehen, um Getreide zu kaufen (Gen 45). Josef verzeiht seinen Brüdern, ihn damals verkauft zu haben (Gen 37,28). Er interpretiert sein Schicksal als Tat Gottes, der ihn so nach Ägypten geschickt hat.
Wie sehe ich mein Leben? Und wohin schickt Gott mich?
Genesis 39
[23] Was er auch unternahm, der HERR ließ es ihm gelingen.
Andere würden wohl von einem Glückskind sprechen, die Bibel führt es auf Gottes Beistand zurück. Was ist mit denen, den nicht alles gelingt?